Geschichte

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Heute stehen alte Industriegebiete in allen Industrienationen auf der Schwelle zu einer neuen Zeit. Dieser Schritt in ein »postindustrielles Zeitalter« stellt einen genauso bedeutsamen Einschnitt dar wie die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts.

Jede Epoche der Kulturgeschichte hat gegen ihr Ende eine Welle des Erinnerns und der Rückschau ausgelöst: Zunächst setzt man sich kritisch mit ihr auseinander, versucht Standortbestimmungen auf der Basis des Vergangenen, verwirft das Zurückliegende, schaut zweifelnd in die Zukunft. Mit zunehmender Beständigkeit der »Neuen Welt« beginnt man dann wieder, sich der alten Werte verklärend zu erinnern, denn die Erinnerungen werden mit zunehmender Distanz ungenauer. Zurück bleibt eine mehr oder weniger zufällig erhaltene Kollektion von Zeugnissen der Vergangenheit, an Zahl sind die gebauten Zeugen dabei meist überwiegend.

Bereits unmittelbar nach der Wende zum 20. Jahrhundert gab es in allen Industrieländern ein Interesse an den von der Schwerindustrie bedrängten Zeugen der Frühindustrialisierung: Ob als Kollektion von »Meisterwerken der Technik« in den zentralen neuen Technikmuseen oder in situ in Gestalt früher Mühlen und Hammerwerke: diese Zeugen erweckten zunächst singuläres, dann massenhaftes Interesse. Daraus entstand z.B. das Deutsche Museum. Solche Zentralmuseen und die klassischen Freilichtmuseen existieren in fast jedem alten Industrieland.

In den 1950er Jahren erwachte ein allgemeineres Interesse an der Technikgeschichte: In England wuchs eine Welle der nicht-professionellen Auseinandersetzung mit den Zeugen der Kanal- und Eisenbahngeschichte; vor allem letztere breitete sich rasch über die ganze Welt aus.

Ab den 1960er Jahren begann dann die zunehmende wissenschaftliche Forschung über die Geschichte der Technik zu anderen Interpretations- und Präsentationsmethoden zu führen. Diese Entwicklung manifestierte sich in neuen musealen Einrichtungen, die komplexere historische Zusammenhänge darstellten und schließlich auch die Sozialgeschichte der industriellen Kulturepoche einbezogen. Modelle dazu entwickelten sich vor allem in Schweden mit den Eko Museen Mittelschwedens, dem Ironbridge Gorge Museum (Geburtsstätte der Industrialisierung) in England. Von hier aus begann auch eine internationale Community zu wachsen: »TICCIH - The International Committee for the Conservation of the Industrial Heritage«. In England entstand auch der Terminus der »Industriearchäologie« aus dem Bedürfnis heraus, die frühesten Zeugen der Industrialisierung tatsächlich ergraben zu müssen.

Die 1970er Jahre erlebten eine Welle von Neugründungen von Museen neuen Typs, die als Industriemuseen oder Museen der Arbeit ihre Tätigkeit begannen. Etwa zur gleichen Zeit begann die zunehmende Durchdringung der Industriegesellschaften mit der modernen Technologie der Elektronik und eine Technikbegeisterung, die Ihresgleichen in der Geschichte sucht. Dies gilt zumindest für die angloamerikanischen Länder, wo darauf mit der Gründung von ca. 150 sogenannten Science-Center reagiert wurde. Für Deutschland war es ein besonders wichtiger Schritt, die Denkmalpflege teilweise auf das Gebiet der Industriekultur (der Begriff stammt von Hermann Glaser, der ihn für das neue »Centrum Industriekultur« in Nürnberg erfand) zu spezialisieren: In NRW wurde der erste »Technische Denkmalpfleger« (Axel Föhl) in sein Amt eingeführt.

Der moderne Ansatz von behutsamer Stadterneuerung, der mit zunehmender Deindustrialisierung alter Industrieregionen den überkommenen Ansatz der Flächensanierung in der Stadtplanung ersetzte, führte ab den 1980er Jahren schließlich zu zahlreichen Umnutzungen und Instandsetzungen alter Industriequartiere. Beispiele sind SoHo in New York City, die Hafengebiete von Boston oder Baltimore oder Manchesters früher Industriestadtteil Castlefield. Von hier aus ging ein – immer noch ungebrochener - Boom um die Welt: Industriekulturelle Denkmale bieten inzwischen für die Stadtplanung eine wertvolle Ressource.

Die 1990er Jahre wurden in diesem Sinne von der »Internationalen Bauausstellung Emscher Park« (IBA) geprägt. Ihr Schwerpunkt der Inwertsetzung alter Industriegebiete hat international Aufsehen erregt und gilt nach wie vor als Modellprojekt für viele urbane Agglomerationen. »Die Avantgarde ist unterwegs ...« (Frankfurter Rundschau, 16.2.1997) Mit der Aufnahme der Zeche »Zollverein XII« in das Welterbe der UNSECO als Symbol endete das Jahrhundert mit einer stark gewachsenen Akzeptanz für das Thema Industriekultur. In diesem Jahrzehnt entstand auch die Zeitschrift »industrie-kultur« welche für das deutsche interessierte Publikum zum Thema berichtet – neben zahlreichen anderen in den europäischen Ländern und in Nordamerika.

Das 21. Jahrhundert begann in diesem Sinne mit einem jungen Thema »Industrietourismus«, ausgehend von der »Route Industriekultur Ruhrgebiet«, dem wichtigsten Projekt der IBA Emscher Park zu ihrer Schlusspräsentation 1999. Als krönenden Abschluss kann man das Jahr 2010 sehen, in dem das Ruhrgebiet »European Capital of Cultur« wurde. Industrietourismus als interessantes Angebot im Rahmen des Kulturtourismus breitet sich aus, nicht zuletzt inspiriert von »ERIH – European Route of Industrial Heritage«.

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